Foreign Language Fiction : Kassandra.

Kassandra.


Krieg und Frieden - Ein feministischer Aufguss - Der trojanische Krieg aus der Perspektive einer Frau, aus der Perspektive der Stimmlosen, Unwichtigen, Unterdrückten... Kassandra, die entgegen ihrer kulturellen Umgebung Autonomie anstrebt und sich den männlichen Unterdrückern - aus eigenen und feindlichen Reihen entgegenstellt - das alles verspricht großes feministisches Kino. Aus meiner Sicht ist Kassandra eine unsympathische und holzschnittartige Figur: grob gezimmert und vielen, die sich gerne als Außenseiter, Avantgardisten und ungehörte Propheten sehen, eine willkommene Identifikationsfigur. Für mich verkörpert sie die fleischgewordene Hybris: Sie durchschaut politische Propaganda, sie durchschaut die perfiden menschenverachtenden Pläne der Troer und Griechen usw. Und sie jagt die einzige Person - Aieneias, der sie wirklich geliebt hat und dem sie wirklich etwas bedeutet hat, aufgrund ihrer pubertären Anti-Helden-Ideologie davon und geht freiwillig in den Tod, weil sie keinen Helden lieben kann. Und so hat Christa Wolfs platt-feministische Ideologie auch direkt eine Märtyrerin... Es bleibt noch der Gegenentwurf Skamander zu erwähnen, die politische (letztlich marxistische) Utopie vom naturverbundenen, idyllischen Zusammensein, in der jeder mit jedem teilt, jeder jeden lieb hat und der man Berührungsspiele spielt und lustiges Kunsthandwerk betreibt, Töpferei, Seidenmalerei usw. Dieses naiv-romantische Idyll ist wirklich rührend, aber völlig unglaubwürdig. Dass dieses Buch für das Zentralabitur Deutsch relevant ist, zeigt m.E., wie wenig es darum geht, den Schülern zum einen Freude am Lesen mitzugeben und zweitens ein ganz schlechtes Gespür dafür, was wirklich zur lesenswerten deutschen Literatur gehört: dieses mit sozialistischer und feministischer Ideologie durchtränkte Buch sicherlich nicht.

Weltliteratur? Okay. - Die Geschichte aus Homers Ilias erzählt durch die Augen der zum Schafott fahrenden Priamos-Tochter Kassandra hatte in den beiden Deutschlands 1983 sehr gegensätzliche Beurteilungen erhalten. Glücklicherweise sind die machtpolitischen und feministischen Fragestellungen für Mitteleuropa zur Zeit weitestgehend überhalt. Somit ist eine persönlichere lesart möglich, in der man sich auf die entwicklung des individuums mit und gegen die gesellschaft konzentrieren kann und dem Gefühl des determinismus, der gerade gegen ende des Buches eine große Rolle spielt. Im Bezug auf die angesprochenen Fragestellungen - die Kassandra hier mit sehr modernen Mustern durchdenkt - ist dieses Buch sehr dicht und anschaulich geschrieben und lädt sicherlich zum Weiterdenken ein, wenn man sich auf die Ilias einlässt, oder sie idealerweise bereits ganz gut kennt. Sonst wird es schon etwas schwierig, mit diesem Roman zurecht zu kommen.

Perspektivwechsel - Über den Mythos Troja muss man wohl keine Worte verlieren - er ist hinlänglich bekannt. Christa Wolf verarbeitet diesen Mythos, indem sie die trojanische Seherin und Königstochter zur Erzählerin werden lässt. Diese schildert ihre ganz persönliche Sicht auf ihr Leben in der Retrospektive. Dies beinhaltet zwei (vielleicht von einander stark abhängige) neue Sichtweisen. Ersten wird durch die moderne Erzählung der trojanische Krieg seiner heldenhaftigkeit beraubt, indem der Krieg in seiner Grauenhaftigkeit und Sinnlosigkeit entlarvt wird und zweitens ist die Erzählerin in ihrer Betrachtungsweise konsequent weiblich. Letzteres will heißen, dass die Protagonisten und ihre Handlungen auf ihr Geschlecht zurück geführt werden. Den Vorwurf allerdings das Buch sei Männerfeindlich kann ich nicht teilen. Zwar wird hier animalisch-männliches Verhalten verurteilt (personizifiert durch den Griechenheld Achill), aber Männer kaum pauschal verurteilt. Es gibt durchaus positive Männergestalten.Die Erzählung ist, fast ausschließlich, als innerer Monolog von Kassandra verfasst, ein Umstand der dazu führt, dass, ins Besondere zu Beginn der Lektüre, wenig klarheit über Chronologie und Wirkungszusammenhänge herrscht. Andererseits kann die Autorin erreichen, dass man so ein Gefühl für die Situation in der sich Kassandra befindet bekommt und sich durch das Geschilderte betroffen fühlt. Die Autorin geht bei der Beschreibung der Charaktere nach mit sehr viel psychologischem Scharfsinn vor. Meiner Meinung nach ist es im Besonderen hervorragend gelungen, die Tragik der Geschichte, die Unausweichlichkeit der Unglücks darzustellen.Insgesamt eine Lektüre, die mich gefesselt hab und die ich mit Gewinn gelesen habe. Ein wenig Vorwissen um den Mythos kann nicht Schaden, ist allerdings auch nicht unbedingt von Nöten. Kauf- und Leseempfehlung von mir.

Brad Pitt, das Vieh! - Alter Stoff aus neuer Perspektive: In der 1983 erschienenen Erzählung Kassandra der in der DDR aufgewachsenen Autorin Christa Wolf wird die Belagerung sowie der Fall von Troja aus der Sicht Kassandras, der Tochter des Königs Priamos, dargestellt. Und die interessiert nicht so sehr für den Schlachtenverlauf oder die heroischen Taten mutiger Krieger. Vielmehr wettert sie gegen den Wahnsinn einer patriarchalen Gesellschaft, in der Männer ihren Trieben auf dem Schlachtfeld und im Schlafzimmer ungestraft freien Lauf lassen und Frauen keine Möglichkeit des Widerstandes besitzen. Besonders der Griechenheld Achill, im Blockbuster Troja recht positiv von Brad Pitt auf Leinwand verewigt, bekommt sein Fett weg: Achill das Vieh, Achill das Vieh [...] Zwischen der Nachwelt und dem Vieh ein Abgrund der Verachtung oder des Vergessens. Apollon, wenn es dich doch gibt, gewähre dies. Ich hätte nicht umsonst gelebt (84). Kassandra sieht Achills Brutalität als Strategie, um seine Impotenz sowie seine Homosexualität zu verbergen: Jünglinge, nach denen es ihn wirklich verlangte, und Mädchen als Beweis, daß er wie alle war. Im Kampf ein Unhold, damit jeder sah, daß er nicht feige war, wußte er nichts mit sich anzufangen nach der Schlacht (88). Männer im Allgemeinen seien doch sowieso nur darauf aus dahin zurückzukehren, wo sie alle hergekommen sind: [U]nter eure Röcke (96).Ein weiterer Schwerpunkt der Erzählung liegt auf der Darstellung der Überwachungsmethoden innerhalb der Mauern Trojas, die deutlich an die Methoden der Staatssicherheit der DDR erinnern. Je unerträglicher die Situation wurde, desto intensiver wurde das Spitzelsystem: Er zog die Schrauben an. Er warf sein Sicherheitsnetz, das bisher die Mitglieder des Königshauses und die Beamtenschaft gedrosselt hatte, über ganz Troia, es betraf nun jedermann (107).Christa Wolf gilt bis heute als die bekannteste und einflussreichste Schriftstellerin der ehemaligen DDR. Sie tritt früh in die SED ein und glaubte bis zuletzt an die Möglichkeit der Weiterentwicklung der Staatsform des Sozialismus, allerdings abseits der damaligen DDR-Staatsführung. Für Marcel Reich-Ranicki war Wolf nichts anderes als eine DDR-Staatsdichterin. Im Rahmen ihrer 1979 geschriebenen Erzählung Was bleibt, die aber erst 1990 nach dem Fall der Mauer veröffentlicht wurde und sich um die Bespitzelung einer Schriftstellerin dreht, warfen konservative Kritiker wie Frank Schirrmacher von der FAZ Wolf vor, die Erzählung aus purer Berechnung erst so spät veröffentlicht zu haben, um sich im Nachhinein reinzuwaschen.Wolfs Utopie eines reformierten Sozialismus findet auch seinen Platz in Kassandra. Nach dem Fall Trojas lebt Kassandra mit einer Gruppe befreundeter Menschen in den Höhle vor den Stadtmauern, wo jeder jedem hilft und nicht in Reichweite des Spitzelsystems liegt (vgl. 137ff.). Ob Opportunismus oder Ausdruck eines wahren Bedürfnisses: Die Bücher Christa Wolfs nehmen in der deutsch-deutschen Literaturgeschichte eine wichtige Position ein.

Kassandra - Für alle die den Einstieg in das Geschehen schwierig finden: Das Buch spielt in drei Zeitebenen. Kassandra sitzt auf einem Schiff der Griechen, auf dem sie zu Ihrer Hinrichtung gebracht wird. Das ist also die Ist Ebene. Auf dem Schiff denkt Sie, diese Gedanken sind der Inhalt des Buches-daher die assoziative Schreibweise. Man denkt ja nun auch nicht unbedingt strukturiert und vor allem weiß Sie das Sie getötet werden wird, sie rekapituliert quasi Ihr Leben!!! Dieses Leben teilt Sie bzw. Christa Wolf in drei Zeitphasen. Vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg. außeredem in mehrere Welten zum einen die königliche Pristerinund die Frauen Göttinnen Welt. Das Buch hat natürlich mehrere Handlungsstränge, denn Ein Leben besteht nun mal nicht nur aus Schlafen und Wach Sein...Ich hoffe Euch bringt diese kurze Info etwas. Das Buch ist wundervoll und mein Vorredner hat keine Ahnung. Lasst euch bitte nicht abschrecken durch die Assoziative Schreibweise. Jetzt wißt Ihr ja warum Christa Wolf diesen Stil für Kassandra gewählt hat.Und Ihr wißt um die verschiedenen Ebenen. das hat mir sehr geholfen. Genießt diese Lektüre einfach, es ist ein so kluges, wundervolles Buch. Und enorm Gesellschaftskritisch und daher immernoch hoch aktuell. Und Männer Ihr braucht wirklich keine Angst haben. Es ist nicht Diskrimminierend weder in die eine noch andere Richtung! Nur weil Kassandra als starke Frau beschrieben wird, oder auch mal als äußerst schwacher Mensch...heißt das noch lange nicht das sich das Buch gegen Männer richtet. Ich habe selten so einen Schwachsinn gehört. Sorry.




Kassandra.